Pferd zu dünn? Ursachen, Gewichtsaufbau und die richtige Fütterung

Mageres Pferd grast auf der Weide


Ein Pferd, das trotz guter Fütterung nicht zunimmt – das ist frustrierend und beunruhigend zugleich. Man sieht die Rippen, der Rücken wirkt schmal, die Kruppe knochig. Und man fragt sich: Was mache ich falsch? Die Antwort ist meistens nicht das Futter selbst. Sondern etwas, das davor kommt.

Bevor Sie die Rationen erhöhen oder teure Aufbaupraparate kaufen, lohnt sich ein systematischer Blick auf die häufigsten Ursachen. Denn wer die falsche Baustelle bearbeitet, verliert Zeit – und das Pferd verliert weiter Gewicht.

Wichtig: Dieser Artikel ersetzt keinen Tierarztbesuch. Bei deutlichem Gewichtsverlust oder Verdacht auf Erkrankung bitte immer zuerst tierärztlich abklären.

Schritt 1: Den Ernährungszustand richtig einschätzen

Der Body Condition Score (BCS)

Bevor Sie handeln, brauchen Sie eine Ausgangsbasis. Der Body Condition Score nach Henneke ist der Standard – eine Skala von 1 (abgemagert) bis 9 (fettleibig). Ideal für die meisten Pferde: BCS 4–5. Unter BCS 3 spricht man von Untergewicht, das tierärztliche Abklärung erfordert.

Beurteilen Sie folgende Körperstellen durch Sehen und Tasten:

  • Rippen: sichtbar oder nur leicht fühlbar?
  • Widerrist und Rücken: Knochen prominent?
  • Kruppe und Schweifansatz: Knochen deutlich sichtbar?
  • Hals: Muskulatur vorhanden oder eingefallen?
  • Schulter: Übergang zum Körper flüssig oder kantig?

Gewicht schätzen ohne Waage

Eine einfache Formel für Warmblutpferde: Gewicht (kg) = Brustumfang² (cm) × Körperlänge (cm) ÷ 11.880. Messen Sie regelmäßig – am besten wöchentlich zur gleichen Tageszeit – um den Verlauf zu dokumentieren.

Diagnose-Checkliste: Die häufigsten Ursachen für Untergewicht

Ein Pferd, das nicht zunimmt, hat fast immer einen Grund – und der liegt selten nur am Futter. Gehen Sie diese Checkliste systematisch durch, bevor Sie die Ration ändern.

Diagnose-Checkliste: Ursachen für Untergewicht beim Pferd
Bereich Was prüfen? Woran erkennen? Maßnahme
Zähne Zahnzustand, Haken, scharfe Kanten Futter fällt aus dem Maul, Quidding (Heuballen), Kopfschief beim Kauen Zahnarzt / Tierarzt, jährliche Kontrolle
Parasiten Wurmbefall, Resistenzlage Stumpfes Fell, Bauchschmerzen, schlechte Kotqualität Quantitative Kotprobe, gezieltes Entwurmen
Magengeschwüre EGUS (Equine Gastric Ulcer Syndrome) Fressunlust, Kolik nach dem Fressen, Leistungsabfall, Zähneknirschen Gastroskopie beim Tierarzt
Stress / Rangordnung Wird das Pferd verdrängt? Frisst weniger als andere, nervös am Futterplatz Einzelfütterung, mehr Fressplätze als Pferde
Futterqualität Heuqualität, Schimmel, Staub Pferd frisst langsam oder selektiv, Husten Heuanalyse, Lieferant wechseln
Erkrankungen Schilddrüse, Leber, Darm (z. B. Colitis) Trotz guter Fütterung kein Fortschritt, allgemeine Schwäche Blutbild beim Tierarzt
Alter Senioren ab 20 Jahren Schlechtere Nährstoffaufnahme, PPID (Cushing) Seniorenfutter, PPID-Test

Pferd päppeln: So funktioniert Gewichtsaufbau richtig

Grundregel: Erst Heu, dann alles andere

Raufutter ist die Basis. Ein Pferd braucht mindestens 1,5 % seines Körpergewichts täglich als Raufutter – bei einem 500-kg-Pferd also mindestens 7,5 kg Heu. Wer hier spart, kann mit Kraftfutter nicht kompensieren. Der Darm des Pferdes ist auf kontinuierliche Raufutteraufnahme ausgelegt; lange Fresspausen führen zu Magenproblemen und schlechter Nährstoffverwertung.

Wenn möglich: Heu ad libitum (unbegrenzt). Gerade bei untergewichtigen Pferden ist das der erste und wichtigste Schritt.

Energie dicht erhöhen – aber richtig

Mehr Energie bedeutet nicht automatisch mehr Kraftfutter. Fett ist der effizienteste Energieträger für Pferde – mit 2,25-facher Energiedichte gegenüber Kohlenhydraten und ohne das Risiko von Kolik oder Hufrehe, wie es große Getreidemengen mit sich bringen können.

Bewährte Energiequellen für den Gewichtsaufbau:

  • Pflanzenöle: Leinsamenöl, Sonnenblumenöl – 50 bis 200 ml pro Tag, langsam einschleichen
  • Leinsamen (gequetscht oder gekocht): Energie + Omega-3 + Schleimstoff für den Darm
  • Rübenschnitzel (unmelassiert): Energiereich, magenfreundlich, gut verträglich
  • Gerste (gequetscht oder geflockt): Energiedichter als Hafer, aber in Maßen

Das Excellent Horse Leinsamenöl eignet sich gut als Einstieg: kaltgepresst, reich an Omega-3-Fettsäuren und gut verträglich auch für empfindliche Pferde.

Wie schnell darf ein Pferd zunehmen?

Realistisch und gesund: 0,5 bis 1 kg pro Woche. Schnellerer Gewichtsaufbau belastet Stoffwechsel und Hufe. Planen Sie für ein Pferd, das 30–40 kg zulegen muss, mindestens 2–3 Monate ein. Geduld ist hier keine Tugend, sondern medizinische Notwendigkeit.

Muskelaufbau beim Pferd: Futter allein reicht nicht

Protein – Qualität vor Quantität

Muskeln bestehen aus Protein. Aber nicht jedes Protein ist gleich. Entscheidend sind die essentiellen Aminosäuren – vor allem Lysin, Methionin und Threonin. Heu allein deckt den Bedarf oft nicht. Gute Proteinquellen für Pferde:

  • Sojabohnenschrot (hoher Lysingehalt)
  • Luzerne / Alfalfa (eiweißreich, aber Calcium-Phosphor-Verhältnis beachten)
  • Leinsamen (zusätzlich Omega-3)

Bewegung als Muskelreiz

Ohne Training kein Muskelaufbau – das gilt für Pferde genauso wie für Menschen. Cavaletti-Arbeit, Bergauf-Gehen, Longieren mit Aufwärts-Vorwärts-Tendenz und Bodenarbeit sind effektive Methoden, um gezielt Rücken- und Hinterhandmuskulatur aufzubauen. Zwei bis drei gezielte Trainingseinheiten pro Woche reichen für den Anfang.

Regeneration nicht vergessen

Muskeln wachsen in der Pause, nicht beim Training. Ausreichend Ruhe, Weidegang und stressfreie Haltung sind genauso wichtig wie die richtige Ration. Ein Pferd, das dauerhaft unter Stress steht – durch Rangkämpfe, Lärm, häufige Transporte – wird schlechter zunehmen, egal wie gut das Futter ist.

TierVita-Tipp: Starten Sie mit der Zahnkontrolle und einer quantitativen Kotprobe – das sind die zwei häufigsten und am leichtesten behebbaren Ursachen für Untergewicht. Erst wenn beides ausgeschlossen ist, lohnt es sich, die Fütterung grundlegend umzustellen. Viele Pferdebesitzer sparen sich damit Monate des Herumprobierens.

Sonderfall: Pferd nimmt nicht zu trotz Fütterung

Wann zum Tierarzt?

Wenn ein Pferd trotz optimierter Fütterung, behandeltem Zahnstatus und negativer quantitativer Kotprobe nach 6–8 Wochen nicht zunimmt, ist eine tierärztliche Untersuchung Pflicht. Relevante Diagnosen, die dabei ausgeschlossen werden sollten:

  • PPID (Equines Cushing-Syndrom) – besonders bei älteren Pferden
  • EMS (Equines Metabolisches Syndrom)
  • Chronische Darmentzündung / Malabsorption
  • Lebererkrankungen
  • Magengeschwüre (EGUS)

Das Blutbild als Orientierung

Ein großes Blutbild inkl. Leberwerte, Nierenparameter und Gesamtprotein gibt oft schnell Hinweise. Kosten: je nach Tierarzt und Umfang zwischen 60 und 150 Euro – gut investiertes Geld, bevor man monatelang am Futter herumexperimentiert.

Aufbaufutter im Überblick: Was wirklich hilft

Im Aufbaufutter-Sortiment finden Sie Produkte, die speziell für die Unterstützung von untergewichtigen oder rekonvaleszenten Pferden geeignet sind.

Vergleich: Energiequellen für den Gewichtsaufbau beim Pferd
Produkt Energiedichte Besonderheit Geeignet für
Leinsamenöl Sehr hoch Omega-3, magenfreundlich Alle Pferde, auch empfindliche
Rübenschnitzel (unmelassiert) Mittel Viel Rohfaser, gut für den Darm Pferde mit Magenproblemen
Luzerne / Alfalfa Mittel–Hoch Eiweißreich, Lysin Muskelaufbau, Senioren
Gerste (gequetscht) Hoch Stärkereich – in Maßen Gesunde Pferde ohne Hufrehe-Risiko
Spezial-Aufbaufutter (Pellets/Müsli) Hoch Ausgewogen, einfach zu dosieren Rekonvaleszenz, Päppelphase

FAQ: Pferd zu dünn – häufige Fragen

Wie lange dauert es, bis ein Pferd wieder Gewicht aufbaut?

Bei konsequenter Optimierung und ohne zugrunde liegende Erkrankung: 2–4 Monate für 20–40 kg Zunahme. Sichtbare Veränderungen am Körper – voller werdende Rippen, runder werdende Kruppe – sehen Sie oft erst nach 4–6 Wochen. Dokumentieren Sie mit Fotos und regelmäßigen Maßbandmessungen.

Kann ich einfach mehr Hafer geben, wenn mein Pferd zu dünn ist?

Hafer ist nicht falsch, aber nicht die erste Wahl. Große Getreidemengen auf einmal überfordern die Verdauung und erhöhen das Kolik- und Hufrehe-Risiko. Besser: Energie über Fett (Pflanzenöl) und Raufutter erhöhen, Kraftfutter nur in kleinen Portionen (max. 1–2 kg pro Mahlzeit).

Mein Pferd frisst gut, nimmt aber nicht zu – was tun?

Zuerst Zähne prüfen lassen und eine quantitative Kotprobe machen. Dann Futterqualität und -menge realistisch einschätzen (viele Pferdebesitzer überschätzen die tatsächlich gefressene Menge). Wenn beides passt und das Pferd trotzdem nicht zunimmt: Blutbild und Gastroskopie beim Tierarzt.

Ist Leinsamenöl wirklich sinnvoll für den Gewichtsaufbau?

Ja – Pflanzenöle sind eine der effizientesten und magenfreundlichsten Energiequellen für Pferde. Leinsamenöl hat zusätzlich einen hohen Omega-3-Gehalt, der entzündungshemmend wirkt und die Fellqualität verbessert. Einschleichen mit 50 ml/Tag, langsam auf 100–200 ml steigern.

Ab wann ist ein Pferd zu dünn?

Ab BCS 3 oder darunter spricht man von Untergewicht. Sichtbare Rippen allein sind noch kein Alarm – bei manchen Rassen (Vollblut, Araber) ist das normal. Entscheidend ist die Gesamtbeurteilung: Rippen, Kruppe, Widerrist, Hals und Schulter zusammen betrachten.

Fazit

Ein zu dünnes Pferd ist kein Futterproblem – es ist zunächst ein Diagnoseproblem. Wer systematisch vorgeht, Zähne und Parasiten ausschließt, die Raufutterbasis sichert und dann gezielt Energie über Fett zuführt, wird in den meisten Fällen Erfolg haben. Und wer nach 6–8 Wochen keinen Fortschritt sieht, geht zum Tierarzt – nicht zum nächsten Futtermittelhändler.

Bei gesundheitlichen Beschwerden oder Verletzungen sollte immer ein Tierarzt konsultiert werden.